Fünf Fragen an Bernhard Hagemann, Schöpfer von „Heinrichs Welt“
 

Wie ist das Projekt „Heinrichs Welt“ entstanden?

Irgendwann war die Idee da. Ein Mann sitzt am Tisch, ein knapper Satz dazu erzählt von seinem Leben, das auf dem Foto nur bedingt stattfindet bzw. in einer absurden Entsprechung. Im Betrachter entfaltet sich dabei – mehr als gesagt und gezeigt wird – etwas, was zwischen Text und Bild liegt. So in der Art war die Idee dazu. Der Mann sitzt am Tisch, das Leben geht über ihn wie eine Welle hinweg und hinterlässt ein paar Spuren. Diese Art des nonverbalen Erzählens verbinde ich mit drei Büchern, die vielleicht nicht als Vorbilder dienten, die ich aber sehr schätze.
Als Fotograf verehre ich das Buch „The red couch“ von Horst Wackerbarth und Kevin Clarke. Zwei Fotografen bereisen mit einer roten Couch den Globus und bitten die Menschen dieser Welt, darauf Platz zu nehmen für ein Foto. Eine einfache Idee mit großer Wirkung.
Als Kinderbuchautor verehre ich das Buch „Opas Engel“ von Jutta Bauer. Rückblickend erzählt der Großvater seinem Enkel von seinem Leben. Geburt, Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Krieg, Frieden. In sehr knappen Sätzen geschieht das, mit schlichten Bildern, und immer ist ein Engel mit im Bild, denn der Opa hatte immer Glück im Leben. Dass dieses Glück ein Engel war, weiß der Opa nicht, er ahnt es vielleicht, wissen tut es der Betrachter mittels der wunderbaren Bilder. In meinen jüngeren Jahren war ich ein großer Freund des „extremen“ Humors.
Sehr verehrte ich das Buch „Die Wahrheit über Max Lampin“ von Roland Topor. Hingeschluderte Porträtzeichnungen mit knappen Sätzen dazu, die an der Figur von Max Lampin kein gutes Haar lassen. Vermutlich gab es im Leben von Topor diesen Lampin, hatte ihm eine Frau ausgespannt oder vielleicht geliehenes Geld nicht zurückgegeben. Jedenfalls sind die Einfälle und Formulierungen hanebüchen. Wunderbar diese Dreistigkeit, aus einem sehr „unbuchigen“ Stoff einen wunderschönen kleinen Geschenkband zu machen.
Wäre schön, wenn man „Heinrichs Welt“ irgendwo in dieser Tradition ansiedeln könnte.

 

Hat sich die Figur des Heinrich während der Arbeit weiterentwickelt oder war Ihnen das gesamte Konzept von Anfang an klar?

Das Konzept war von Anfang an klar. Ein Tisch, ein Mann, ein Foto, ein Satz. Auf diese Weise sollte das Leben eines Mannes erzählt werden. So etwa 20 Motive gab es als Idee mit einer ersten Version des Textes festgehalten in einem Skizzenbuch. Andere Motive waren in einer vagen Idee vorhanden und wurden konkreter angesichts der Requisiten, die zur Verfügung standen, oder durch Gespräche und Brainstormings mit Friedrich Wollweber, dem grandiosen Darsteller des Heinrich. Überrascht hat mich, als alle 36 entstandenen Motive als Ausdrucke auf meinem Ateliertisch lagen, wie sie sich quasi von alleine ihre Reihenfolge gesucht und die Sätze sich zu der fertigen Geschichte formiert hatten. Das geschah in einer langen aufregenden, wundersamen Nacht.

 

Sie nennen selbst „Heinrichs Welt“ ein Bilderbuch, in anderen Kontexten haben Sie auch schon von einem „philosophischen Bilderbuch“ gesprochen. Worin besteht die Überlegenheit des Bilderbuches gegenüber dem bloßen Text?

Nun, die Überlegenheit hier existiert zweifelsfrei im Verhältnis zwischen Satz und Bild. Sätze, wie man sie vielleicht aus seinem eigenen Leben kennt, und ein Foto dazu, das zwar eine Entwicklung zeigt, aber nicht die exakte Entsprechung. Der Witz, der hierbei entsteht, vielleicht auch der gefühlte Mangel, das ist die Überlegenheit dieses Bilderbuches. Die Zwischenwelt und das Nichtereignis, das als Ereignis geschildert wird.

 

Was ist die Philosophie hinter „Heinrichs Welt“? Können wir von Heinrich etwas über das Leben lernen?

Ohne das Projekt jetzt überfrachten zu wollen, aber irgendwann, als das Buch als Dummy fertig war, fiel mir ein Satz dazu ein. Ich glaube, er stammt von Hannah Arendt: „Das Ich altert nicht.“
Damit konnte ich mich in Verbindung zu „Heinrichs Welt“ sehr anfreunden. Denn ich glaube, jedem von uns wohnt im Inneren eine Schicht inne, die nicht sehr beweglich ist, eine Art tiefes unbewegliches „Ich“, das mit Objektivität, Emotionslosigkeit und ein wenig Verwunderung auf das schaut, was das Leben mit uns Menschen so macht.

 

Angenommen Heinrich hätte einen Wunsch: Welcher wäre das?

Heinrich hat seine Phasen durchlebt und durchlitten. Er geht zufrieden daraus hervor und wünscht sich vielleicht, dass die Prüfungen ein Ende haben und sich das Leben konsolidiert. Dass er Frieden findet. Aber die Aussicht besteht bei Heinrich ja durchaus.

 
zurück